Die kleine Prinzessin Rosine

Ein König und eine Königin hatten drei Töchter. Sie hießen Amanda, Rosa und Rosine.

Doch das Königspaar war sehr ungerecht und zog die beiden älteren Töchter Amanda und Rosa stets der jüngsten, Rosine, vor. Daher bekam Rosine schon als ganz kleines Kind nur immer Schelte, während ihre Schwestern bekamen, was sie nur haben wollten. 

Schließlich gingen die bösen Eltern sogar so weit, dass sie das Kind aus dem Schloss fortschickten und auf einem Bauernhof aufwachsen ließen. Glücklicherweise aber hatte das Kind die Fee Miriam als Patin. Die Patin verschaffte Rosine die besten Lehrer, damit sie eine Erziehung erhalten sollte, die ihrer hohen Herkunft würdig war. Als Rosine schließlich fünfzehn Jahre alt war, war sie das schönste Mädchen, das man sich denken konnte.

Eines Tages erschien auf dem Bauernhof, auf dem sie lebte, ein Bote ihres Vaters, des Königs, der befahl, dass sie am folgenden Tag auf dem Schloss zu erscheinen habe. 

An diesem Tag sollten dort alle möglichen Fürsten und Könige zu Gast sein, deswegen sollte zu dieser Gelegenheit auch die dritte Tochter des Königs, die Bäuerin, zugegen sein. 

Rosine war sehr verlegen, als sie das hörte, denn sie wusste ja nicht, was sie anziehen sollte, wenn sie vor solch noblen Menschen erscheinen sollte. Sie vertraute sich deswegen ihrer Patin an und bat sie um Hilfe. 

Die Fee Miriam übergab ihr ein einfaches Wollkleid und sagte: „Wenn du im Schloss bist, dann zieh dieses Kleid an – ganz gleich, was auch immer die anderen ragen werden!“ 

Im Schloss wies man Rosine eine schäbige Dachkammer an, in der sie bleiben sollte, bis man sie zum großen Festmahl rief. Dort zog sie nun das schlichte Kleid der Fee an. Doch wie staunte sie, als sie sich im Spiegel betrachtete: Sie trug mit einem Mal das kostbarste Kleid, das sie je gesehen hatte.       „Danke, liege Platin!“ flüsterte sie da und freute sich auf das Festmahl.

Unten im großen Festsaal erwarteten alle Anwesenden eine plumpe Bäuerin, als ihr Erscheinen angekündigt wurde. Doch was mussten sie sehen! Rosine stellte mit ihrer Schönheit alle anderen Damen in den Schatten.

Nun fiel natürlich der Empfang durch ihre Eltern und Geschwister noch kühler aus, denn sie hatten gehofft, dass sie durch ihren Auftritt zum Gespött aller Gäste werden würde.

Rosine war sehr traurig darüber, und im Verlauf des Abends rann deshalb so manche Träne über ihre Wangen. 

Das sah ein junger Prinz, der der Herrscher über ein großes Reich war. Ihm tat das arme Mädchen leid, darum blieb er auch den ganzen Abend lang an seiner Seite. Er versuchte liebevoll, es wieder aufzumuntern und den frostigen Empfang durch seine Familie vergessen zu lassen. 

Am folgenden Abend zog Rosine wieder das Wollkleid an. Wie freute sie sich, als ihr der Spiegel ein herrliches Samtkleid, mit vielen Perlen bestickt, zeigte.

Wieder bedankte sie sich überglücklich für dieses Geschenk der lieben Fee Miriam.

Als es dann die Treppe zum Park hinunterstieg, hörte das Mädchen die Stimme seiner Patin: 

 „Vorsicht, Rosine! Besteig nur das Pferd, das dir der junge Prinz anbieten wird!“

Rosine nickte. Sie wollte sich an ihre Worte halten. Im Park waren schon die Gäste und bereiteten sich zu einer Hetzjagd. Ein Diener des Königs kam und brachte Rosine ein feuriges Pferd, das unterdessen sieben Stallburschen vergebens zu bändigen versuchten.  

Doch der junge Prinz kam ihm zuvor und brachte ihr einen herrlichen Schimmel. Dann half er ihr als vollendeter Kavalier in den Sattel. 

Der König, die Königin und die Schwestern sahen dem voller Unmut zu, denn sie hatten gehofft, dass das Pferd, das sie Rosine zugedacht hatten, sie abwerfen würde.

 Am Abend wurde ein großer Ball abgehalten, und Rosine erschien dazu in einem Kleid, bei dessen Anblick es den Gästen die Sprache verschlug. Man hätte schwören mögen, dass Schmetterlingsflügel nicht feiner sein konnten, als der Stoff, aus dem dieses Kleid gearbeitet war. Dazu schimmerten und funkelten die Brillanten, die sie trug wie Sterne.

Ihre neidischen Schwestern standen wütend in seiner Ecke und mussten zugeben, dass sie niemals so schön aussehen würden wie sie – auch wenn sie sich noch so viel Mühe gaben.

Auch an diesem Abend wich der Prinz nicht von Rosines Seite und tanzte nur mit ihr. Als es dann Zeit wurde, gute Nacht zu sagen, bat er sie seine Frau zu werden. 

Sie wollte erst ihre Patin um Rat fragen und versprach, ihm daher am folgenden Tag zu antworten.

In ihrem Kämmerchen fragte sie dann: „Lieben Patin, was soll ich dem Prinzen antworten?“ – „Sag ja!“ war die ganze Antwort der Fee Miriam.   

Am nächsten Tag trug sie ein Kleid aus rosafarbener Seide, dicht bestickt mit Saphiren und Smaragden, als sie dem Prinzen berichtete, was die Patin geantwortet hatte. 

Wer kann sich da die Freude des Prinzen vorstellen, als er hörte, dass Rosine nun für immer bei ihm bleiben würde! An diesem Tag wollten die Gäste eine Ausfahrt in ihren Kutschen unternehmen.

Die Kutsche, in die Rosine einsteigen sollte, wurde von vier feurigen Pferden gezogen. Doch gerade, als sie darin Platz nehmen wollte, kam ein Page auf sie zu und bat sie in eine bezaubernde Kutsche aus Elfenbein, die über und über mit Perlen geschmückt war. Diese Kutsche wurde von zwei prächtigen Schimmeln gezogen. 

Rosine verstand sofort, dass ihre Patin diese Kutsche geschickt hatte, und nahm ohne Zögern darin Platz. Langsam setzte sich nun die Kutsche in Bewegung. Doch mit einem Mal fuhr die Kutsche, die von Rosines Schwestern gelenkt wurde, direkt auf Rosines Wagen zu. 

Doch Rosines Kutsche war verzaubert, und so geschah es, dass die Wagen der anderen Gäste mit dem der Schwestern zusammenstießen, so dass Amanda und Rosa umkippten und in die Wiese fielen.

Der Prinz, der die ganze Zeit neben Rosine fuhr, hörte plötzlich, wie die Stimme der Fee Miriam zu ihm sprach:

„Schnell! Spring in Rosines Wagen und fliehe mit ihr in dein Land!“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen, und er sprang mit einem Satz zu ihr in den Wagen.

Die Pferde begannen zu laufen, als ob sie Flügel hätten, und so kamen sie kurze Zeit später in der Heimat des Prinzen an. 

Nun war alles gut. Im Reich des Prinzen herrschte große Freude über die neue Herrscherin, die es nun erhalten sollte. Als kurze Zeit später ihre Hochzeit gefeiert wurde, kannte der Jubel keine Grenzen mehr.

Prinzessin Rosine und ihr Prinz kannten von nun an keine Sorgen mehr.

Quelle: Märchen aus alten Zeiten, Nach der Comtesse de Ségur

2021 08 24 Die Kleine Prinzessin Rosine